Hitze trifft nicht alle gleich: Berliner Landesvorsitzender Philmon Ghirmai darüber, warum Hitze politisch ist

Philmon Ghirmai, Berliner Landesvorsitzender; Foto: Bündnis 90/Die Grünen Berlin

Wer in den letzten Tagen und Wochen durch Berlin gelaufen ist, weiß, dass die Klimakrise längst keine Zukunftsfrage mehr ist. Sie ist da. Spürbar auf dem Asphalt, in der Luft und an den trockenen und sterbenden Bäumen. Hitzetage und Tropennächte nehmen in Berlin zu, die Stadt heizt sich auf. Die Folgen? Lebensbedrohlich – für Mensch, Tier und Natur. Die Landesregierung aus CDU und SPD blies die Backen auf, versprach ein milliardenschweres Sondervermögen für den Klimaschutz und für Klimaanpassung. Doch passiert ist das Gegenteil: Das Sondervermögen ist nie gekommen, Mittel für den Klimaschutz wurden sogar gestrichen.

Dicht besiedelt, wenig Grün: In vielen Berliner Kiezen staut sich die Hitze – mit spürbaren Folgen für die Gesundheit. Foto: Johann Schily

Zwischen 2018 und 2024 starben in Berlin 1.425 Menschen durch Hitze und damit mehr als durch Verkehrsunfälle. Viele Menschen leiden im Stillen, können nicht arbeiten, schlafen schlecht, verlassen aus Angst die Wohnung nicht. Besonders betroffen sind Ältere, Kinder, chronisch Kranke, Wohnungslose und Menschen mit geringem Einkommen. Daten belegen für Berlin, dass Menschen, die wohlhabend sind, überproportional in kühleren Vierteln und Kiezen leben und Menschen mit wenig Geld in Beton- und Asphaltwüsten, in denen sich die Hitze staut. Ob du dir eine kühle Wohnung leisten kannst, ist folglich auch eine Frage des Geldbeutels. Wir kämpfen dafür, dass wirksame Schutzmaßnahmen sozial gerecht ausgestaltet werden, dass Straßen zuallererst da entsiegelt werden, wo es besonders heiß wird, dass kühlendes Grün und Schatten spendende Bäume zunächst dort errichtet werden, wo Menschen dicht besiedelt leben und sie daher besonders fehlen. 

 Doch der Senat verschläft diese Gerechtigkeitsfrage in der Siesta, der von ihm versprochene Hitzeaktionsplan bleibt aus; stadtweit gibt es bisher nur sieben offizielle Schutzräume gegen Hitze, viel zu wenig für 3,9 Millionen Berliner*innen.

Die extremen Temperaturen sind nicht nur für Menschen gefährlich, auch Wildtiere in der Stadt geraten zunehmend in Bedrängnis. Eichhörnchen fallen vor Durst von den Bäumen, Jungvögel überhitzen in Nestern unter glühenden Dächern, Amphibien finden keine Wasserstellen mehr. Kurzfristig helfen Wasserschalen und mehr Schatten, langfristig braucht Berlin deutlich mehr Grünflächen, Bäume und naturnahe Lebensräume, damit die Tiere in unserer Stadt überleben können.

Klimaanpassung vor Ort: Der Umbau der Hasenheide zeigt, wie Städte auf steigende Temperaturen reagieren können. Foto: Johann Schily

In den letzten Jahren sind über 14.000 Straßenbäume abgestorben. Besonders in Hitze-Hotspots wie hier in Nord-Neukölln fehlt Grün, das die Straßen abkühlt. Jeder vertrocknete Baum bedeutet weniger Schatten, schlechtere Luft und mehr Hitzeopfer. Dabei ist klar: Bäume sind unsere besten Verbündeten gegen die Hitze. Ein einziger Baum kann seine Umgebung um mehrere Grad abkühlen. Im Gegensatz dazu speichert jedes parkende Auto Hitze und heizt den Asphalt weiter auf. Wir Grüne fordern deshalb: Eine Million neue Bäume für Berlin! Auf Straßen, Schulhöfen, in Parks, überall, wo Platz ist. Das ist gelebter Hitzeschutz.
Wie Hitzeschutz konkret aussehen kann, zeigt auch der klimaresiliente Umbau der Hasenheide: Unter unserem grünen Stadtrat Jochen Biedermann wird der Park Schritt für Schritt an die Folgen der Klimakrise angepasst, mit mehr Schatten, entsiegelten Flächen, neuen Bäumen, besseren Wasserspeichern im Boden und Plätzen zum durchatmen, auch an heißen Sommertagen. Solche Projekte brauchen wir in ganz Berlin.
Und wir fordern mehr: Mehr Trinkbrunnen, kühle öffentliche Räume wie Bibliotheken oder Supermärkte, gezielte Förderung für Pflegebedürftige und eine Stadtplanung, die Stadtgrün über Parkplätze stellt.

Hitze ist mehr als eine Wetterlage: Sie ist eine soziale Krise, eine ökologische Herausforderung und eine politische Pflicht. Die Verantwortung dafür darf nicht länger allein auf engagierte Nachbarschaften, vereinzelte kommunale Aktivitäten oder zivilgesellschaftliche Gruppen abgewälzt werden. Es braucht entschlossenes Handeln auf allen Ebenen. Denn der nächste Hitzesommer kommt. Und wir entscheiden heute, wie wir ihn als Berliner Stadtgesellschaft überstehen.

Philmon Ghirmai, Berliner Landesvorsitzender
Dieser Artikel ist Teil des Neuköllner Stachels Nr. 199, Ausgabe II/2025

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